Hörbuch-Review: Cryptonomicon

(Mit freundlicher Unterstützung von Audible)

Was hab' ich nicht von Neal Stephenson alles gelesen: Snow Crash, Diamond Age, ConfusionQuicksilver und natürlich das epochale Werk Cryptonomicon. Sicher zwei oder drei mal. Und seit Wochen höre ich nun das Hörbuch dazu. Seit Wochen? – Ja, korrekt, Abends im Bett. Und ich sage euch auch, warum sich das so zieht: Es hat 'ne Spieldauer von 47 Std. 44 Min !!! ;) Kurz zum Buch: Neil Stephensons geht mit Cryptonomicon an die Grenzen der Lesbarkeit: Fast 1.200 Seiten is der Wälzer fett, da wird das Handling des Buches schon zur Aufgabe ;) Wer etwas für Coding, Kryptographie und Numerologie übrig hat: Ein besseres Buch werdet ihr nicht mehr lesen. Wahrscheinlich. Schon mal eine mathematische Abhandlung über wiederkehrende Ejakulations-Zyklen gelesen? Sechs Seiten am Stück? Mit Formeln und Thesen und Humor, der ab und zu so klug ist, dass man ihn glatt überliest (beim Hören geht das ob der grandiosen Vertonung sehr viel besser). Es gibt grob gesagt zwei Handlungsstränge: Waterhouse  – leicht autistisch, ich tippe auf das Asperger – ist ein Geheimdienstmann der Alliierten; Waterhouse konstruieren während des Krieges gegen die Achsenmächte die ersten Computer, trifft Touring und andere Kaliber und möchte doch so gerne nur ein einziges mal den Beischlaf vollziehen. Die von ihm erbauten Computer – besser Rechenmaschinen – dienen keinem anderen Ziel als die Funksprüche der Deutschen zu entschlüsseln. Erst sehr viel später verkaufen die Nachfahren von Waterhouse im Silicon Valley Soft- und Hardware, gründen in den 90er ein Art Datenhafen.

Einschub: Die visionäre Kraft des Romans ist Wahnsinn: Was Stephenson da alles voraussagt, wie sich das Netz und die Menschen mit dem Netz entwickeln werden… stimmt alles; das kann man auch heutiger Perspektive durchaus sagen: Teile der NSA-Verschwörung, Snowden, Endverschlüsselungen, der Bedraf nach sicheren Leitungen… alles drin im Buch. Was mehr als 15 Jahre alt ist. 

In zwei parallel erzählten Geschichten schreibt Stephenson von mehreren Kriegen, die Teile des Zweiten Weltkriegs waren. Pearl Harbor, der Abwurf der Atombomben auf Japan, und welche Konsequenzen dieser für die Philippinen hatte: Alles drin. Japaner gegen Amerikaner. Japaner gegen Zivilbevölkerung. Alle gegen die Grausamkeit des Dschungels. Der Krieg der U-Bootfahrer (mit dem großartigsten aller deutschen U-Bott-Kapitäne, ever) wird erzählt genauso wie der Krieg des Generals Douglas MacArthur. Am wichtigsten aber ist die Geschichte, die dem Roman das Gerüst bietet: Der Krieg der Verschlüsselungsexperten. Der Clou: Die Verbindung zwischen den beiden Geschichten in den vierziger und neunziger Jahren ist das Gold, das die Japaner im Pazifik versteckten, bevor ihr Reich und ihre Herrschaftsansprüche atomisiert wurden. Die mit Abstand besten Momente des Buches sind die Schilderungen der Erlebnisse des Soldaten Shaftoe. Er ist das Paradebeispiel des amerikanischen Marines. Wie in der Hymne der Marines war er von Guadalcanal bis Afrika und den weiteren Schlachten im Pazifik und der Nordsee an allem beteiligt, was ein Soldat nur sehen konnte. Besonders ein traumatisches Erlebnis vor einer Höhle auf Guadalcanal lässt Shaftoe, der ansonsten jedoch unendlich stoisch, leidensfähig und drogensüchtig ist, nie wieder los. Mit ihm zeichnet Stephenson den Prototyp des Marine-Helden ohne dabei die Grenzen zu blindem Pathos und Lobhudelei auch nur zu streifen; traumatisiert doch mit reinem Herzen, Voll-Assi und trotzdem schwer verliebt…Da fällt mir Goto Dengo ein: Einer Art japanischer Shaftoe-Klone, der in weiten Teilen aufgrund seiner östlichen Zurückhaltung noch 'ne Ecke trockener – und damit humoristischer – weggkommt. 

Übrigens: Man munkelt das Stephenson mit der Ausarbeitung des Charakters Waterhouse eine/die Vorlage für Sheldon Cooper geliefert hat ;)

Fazit: Egal ob man sich für Popkultur, für den zweiten Weltkrieg, für Daten und Verschlüsselung interessiert, oder ob man Bock auf 'ne humoristisch-fatale Lovestory hat: Das Buch – als auch das Hörbuch – meisterhaft gelesen von Detlef Bierstedt – kann was.

Ich zähle es zu meinen fünf liebsten und hör' und les das sicher nicht zum Letzten male. Hier das Cover, den Link zum Hörbuch gibt es danach.

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4 thoughts on “Hörbuch-Review: Cryptonomicon

  1. daMax sagt:

    Der erste Werbepost, der im RSS durch kommt, und dann ausgerechnet von den Audible-DRM-Spaggos? Ich glaub‘, wir müssen uns schon wieder prügeln ;)

    Aber gut, wenn dir das Buch gefällt, darfste natürlich drüber bloggen.

  2. Chris sagt:

    Jo, den habe ich mal „freigelassen!“ weil ich dachte, „hey das passt“.
    Vom DRM-Gedöns weiß ich da nix, gucks mir aber mal an, danke dir!

  3. Marcel W. sagt:

    Cryptonomicon ist top. Hast du auch Quicksilver von ihm gelesen?

  4. Chris sagt:

    Ja, steht auch oben drin ;) Ich fand etwas weniger „rund“ als Crypton. aber auch sehr erkenntnisreich, so aus der historischen Sicht.

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