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Zuerst dachte ich, das wär ein normales Blog, bis ich genauer hinschaute

Unbenannt

Alter. Falter. Was gehen mir diese Klick-Fänger-Seiten auf den Sack. Neben heftig.co sprießen die wie die Wurmlöcher aus dem Boden. Und nerven zu Tode. Weil meine offensichtlich minderbemittelten Facebook-Kontakte (not all of them) mir die Scheisse in die Chronik spülen. Jüngstes Beispiel: sicht.co. Deren Headline geht so: Zuerst dachte ich, das wären normale Bilder bis ich genauer hinschaute. Ich denk‘ dann immer: Denk doch nicht, halt deine blöde Fresse, du Kack-Blog mit Kack-Autoren, ohne einen Funken Ehrgefühl und Kreativität.

Mir ist klar, dass ich mit meinem Aufreger was spät dran bin, wir hatten das Thema ja im Sommer/Frühjahr schon zu genüge.

Dennoch: Ich sehe wie Leute denen auf den Leim gehen. Ich kenn‘ das seit etwas 12 Jahren (ok, fast) von Blogs wie whudat.de, die eigentlich nix anderes gemacht haben (ok, neben anderen Inhalten, zumindest bei whudat), als Fremd-Content wegzuklauen, sich das in die Seite zu kleben, um dann mit sensationellen Inhalten (und Headlines!) den Fremdcontent präsentieren zu können; um dann wiederum Klicks – und somit Werbeeinnahmen – zu generieren. Seit ich blogge (seit mehr als sieben Jahren) gab es das immer mal wieder; die betreffenden Blogs verschwanden jedoch immer in der Versenkung, weil es eben andere Kunst/Nerd/Pop-Blogs gab, die das Ganze besser machten, anders machten, die Bilder mit eigenen Texten und Anekdoten anreicherten und dem Leser das Gefühl gaben, dass sich ein Klick hin zum Macher/Künstler auch tatsächlich lohnen würde. Ich probier das bis heute so, nennt mich Naivling.

Ich stelle mir vor: Ich bin Künstler. Ich mache ein Bilderserie und präsentiere sie der Welt. Da kommt dann so ein Billo-Blogger (ohne Impressum und alles, wie bei sicht.co, etc…), saugt ALLE Bilder meiner Serie ab, klebt die bei sich ein, versieht die mit eigener Headline; und weist – wenn überhaupt – nur in einem Nebensatz darauf hin, dass es ja gar nicht sein Kram ist, den man da sieht. Die ködern die Leute mit Überschriften, die oft NULL mit dem Inhalt zu tun haben, machen Kohle und Fame, und ich als Künstler gucke total doof in die Röhre. Ich fänd‘ das ganz schön scheisse.

Ich halte hier eine wahrscheinlich sicher brüchige moralische Messlatte in die Höhe, wenn ich sage: Ich WILL das der Fame der ganzen Kunst hier im Blog den Leuten gehört, die die Kunst gemacht haben!

Als Galerist latsche ich ja auch nicht durch eine meiner Ausstellung und verkaufe die künstlerischen Exemplare als meine eigenen. Wie doof wär‘ das denn?

Doof nur, dass die Virtualisierung der Kunst eben diese Hürde genommen hat: Den persönlichen Kontakt. Keiner fragt mehr: Wow, von wem ist denn dieses Bild? Ganz einfach deshalb nicht, weil es heute weniger um Kunst und Kultur geht, denn um Dollar und Euro und Fame auf Facebook. Keine Kritik, nur ne Feststellung. Mitmachen muss ich bei diesem kulturellem Verfall aber längst nicht. Meinen Facebook-Kontakten das Moralsäckerl überstülpen… hat auch wenig Sinn. Also bleibt mir eigentlich nur eins: Die Dokumentation des Stumpfsinns, wie hier eben geschehen.

Nur um mal klar zu machen, auf welchem Niveau sich diese Klick-Blogger befinden, hier mal einige Auszüge aus dem Text zu dem o.g. Artikel:

Unter Verwendung von Acryllacke bemalt sie die Haut von Probanden in einer Weise, dass sie wie optisch flache, zweidimensionale Bilder erscheinen.

Was ist das für ein Satz? Mein Deutschlehrer hätte mir den Kopf abgerissen.

Weiter:

Sie ist auch auf CNN, NPR gekennzeichnet worden, und im WIRED, The Wall Street Journal, The Washington Post und The Guardian.

Gekennzeichnet? Hä? Nutzen die Google-Translate? Mich würde es nicht wundern, wenn es den Artikel 1:1 schon in den USA gegeben hat, und die Spaten sogar ihre Texte durch Google übersetzten lassen. Moooment… Ach was: Guckt mal hier! Ok, der Text ist nicht der selbe… aber sonst…. Klar, die Spinner denken sich: Wenn das in den USA schon luppt, kopieren wir einfach alles 1:1, brabbeln noch ne dämliche Headline hinzu, und schon rollt der Rubel. Ekelhaft, das.

Weiter:

Scrolle nach unten, um einige ihrer unglaublichen Kreationen sehen. Und denke daran, dass jede dieser Personen echt ist.

Scrolle nach unten? Was ist das für ne Anweisung? Also ich scrolle immer einen Horizontalkreis, beachte die Seitenpeilung, und biege dann hart nach Backbord ab. Wenn ich sowas lese. Ey.

Dann folgen, na klar, ALLE Bilder der Künstlerin. ALLE aus der Serie. Es besteht für den Leser NULL Anreiz, der Künstlerin selbst einen Klick abzudrücken, man hat ja schon alles gesehen.

Weiter:

Und vergesse nicht, diese bemerkenswerte Entdeckung mit deinen Freunden zu teilen indem du unten klickst.

Deutsch? Hallo? Bemerkenswerte Entdeckung? Die, die andere Blogger schon 2006 drin hatten, dazu einen netten Text schrieben, die Künstlerin mit ins Boot nahmen, den Lesern was tolles zeigten, weil sie es teilen wollten, nicht ihren Bausparvertrag zahlen mussten? Diese Entdeckung ist gemeint. Nehme ich an. Ich sach‘ mal nix. Das Teilen klappt ja auch so, wie ich anhand meiner FB-Chronik sehen kann. – Schlimmer geht es aber immer, ganz unten – am Ende der Bilderserie – steht dann das hier, bzw. poppt das auf:

Unbenannt

Drohgebärden 3000.

Ich will gar nicht meine alte Leier von wegen: Ich mach‘ das hier seit Jahren und zwar richtiger! auspacken. Natürlich ist es genau so, nur habe ich das Glück, dass ich mit diesem Blog nicht auf finanzielle Einkünfte angewiesen bin, und mir den Luxus erlauben kann, den werten Leser_innen auch wertige Einblicke zu präsentieren, die über GUCK WIE GEIL DIE BILDER SIND UND SCHEISS DRAUF VON WEM SIE SIND – hinausgehen. Zumindest hoffe ich, dass ich das so gemacht habe. Die letzten sieben Jahre. Die Autoren von sicht.co, heftig.co, wundervoll.co, etc die solchen Content präsentieren, sind mit Sicherheit auch die Leute, die sich mit ihrem jüngsten SEO-Projekt den Bausparvertrag gegenfinanzieren. Arme Würste, klare Sache.

Worauf will ich hinaus? Eigentlich auf wenig, der Trend ist da, ich kann mich sträuben und puckeln wie ich will, es ändert ja alles nix. –  Was ich aber erwarte: Treue Leser und wirkliche Freunde auf Facebook: Bevor ihr DIESE AFFEN anklickt: Besorgt euch mit drei Klicks einen Feedreader, abonniert euch Blogs, die es wert sind geklickt zu werden, UND die euch WIRKLICH geile Inhalte liefern; also Facebook-Taugliche Inhalte, mein‘ ich jetzt.

…oder eben mal meine Blogrolle durchgehen.

Warum? Das will ich euch sagen: Die Jungs und Mädels machen das alle um einiges wertiger, als diese neuartigen Klick-Fänger-Seiten: Es gibt (zumindest meistens) ne persönliche Anekdote, das Deutsch ist besser zu lesen, die Inhalte sind neuer und aktueller, die Künstler werden entsprechend vermerkt und gewürdigt. Und was am  obegeilsten ist: Die haben IMMER den geilen Scheiss! Und zwar VOR diesen Klick-Affen! – Ihr ja somit dann auch.

Und das ist es doch, was wir alle wollen: Der coolste auf Facebook zu sein; der mit dem coolsten und abgefahrensten Inhalten, der Sachen postet, die keiner je gesehen hat. Mit diesen vermainstreamten Otto-Blogs reiht ihr euch nur in die ahnungslosen Webnutzer ein, die Schuld dran sind, dass ich mich hier künstlich aufregen muss und – viel schlimmer – große Künstler möglicherweise einfach davon absehen werden, ihre Kunst mit der Welt zu teilen! Das ist die große Gefahr, die dieses Klick-Fang-Geblogge birgt: Kulturelle Gleichschaltung und kurzfristige WOW-Effekte, die verfliegen, wie Tränen im Regen. Und mindesten so traurig finde ich diese Entwicklung auch. Und das wollt ihr doch auch nicht. – Falls doch: geht zu heftig.co, euch heftig den Kopf mit 2009er Content vollblödeln lassen.

Ich kann die einfach nicht ab, dieses Gesocks macht mein Internet kaputt. Und da die nie ein Impressum haben, ich demnach auch nicht hinfahren kann, um denen persönlich in den Hals zu scheissen, müsst ihr euch nun diesen leidigen Text durchlesen. Oder mal einen richtigen Blog abonnieren. Dann klappt’s auch mit der Facebook-Coolness wieder besser.

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