‚Wählen ist ein Gewaltverbrechen!‘

wallanarcho

Da das Turbo-Wahljahr 2013 schon läuft, dachte ich, ich mache mal etwas Stimmung. In die richtige Richtung. In die freiheitliche, herrschaftslose, gewaltlose; die anarchistische nämlich. Außerdem las ich eben auf Facebook in einem Diskurs wieder mal dieses unsägliche Argument, dass wenn man nicht wählen geht, dann ja die Extremen (links wie rechts) besser dastehen würden. Ich soll also meine Stimme für viele Jahre (!) abgeben (!), nur damit etwas NICHT passiert?

Wie sinnig soll DAS denn dann sein?

Im übrigen ist es NICHT so, dass dann die Nazis besser dastehen! Warum? Das kann ich euch erklären: Von meiner Nichtwahl profitieren dann nämlich rechnerisch gesehen in der Tat ALLE Parteien. Und zwar im Verhältnis zu ihrem vorhandenen Stimmenanteil! Klar, die 5% sind dann auch für die Bösen leichter zu erhaschen… Allerdings: In einem Land, in dem jeder fünfte Mensch (!) einen Hang zum Antisemitismus hat, in dem jeder vierte (!) Mensch Vorbehalte gegenüber Immigranten hegt, soll mich DIESES (Schein-)Argument nun an die Wahlurne zurücklocken; mich entmündigt, und einer kleinen Gruppe von kapitalistischen Vollspacken die Legitimation erteilen, vier weitere Jahre ihre Herrschaft über mich, meinen Geist und meinen Körper, auszuüben? 

Wie sinnig soll DAS denn dann sein?

Dann kommt meistens: Ja, dann mache doch deine Stimme ungültig, dann wird auch nix an den radikalen Rändern hinzuaddiert. Genau: Ich mache meine Stimme ungültig, obwohl ich mich nicht mehr an der aktuellen Kapital-Diktatur (im demokratischen Wolfspelz) beteiligen möchte. Wer wählen geht, der nimmt auch in Kauf, dass die (kapitalistisch-wachstumsorientierte) Partei gewählt wird, die er NICHT gewählt hat. 

Wie sinnig soll DAS denn dann sein?  

Eine Abgabe (!) meiner Stimme an eine der großen (aber auch der kleinen bis mittleren) Volksparteien, fühlt sich für mich genau so an, als würde mich ein Arzt fragen, ob ich lieber Hodenkrebs oder eine Gehirnamputation haben möchte. Ich soll mich zwischen Übel und Superübel entscheiden? Ich soll mit dem Gefühl aus dem Wahllokal gehen, dann doch die weniger behämmerten gewählt zu haben? 

Wie sinnig soll DAS denn dann sein? 

Was auch immer geht, ist die folgenden (scheinheilige) Aussage: Ja…also, wenn du nicht gewählt hast, dann darfst du nachher auch nicht meckern! Also. Da platzt mir dann wirklich nicht nur der Kragen. Das ist genau wie: Du hast niemals FREE WILLY gerufen, also darfst du dich jetzt auch nicht über den (scheinheiligen) Bio-Lachs aus industriellen Zuchtfabriken beschweren.

Wie sinnig soll DAS denn dann sein? 

….und nun noch ein Textauszug aus einem Video, welches meine Thesen, Ideen und Fragestellungen untermalen soll: 

Der Wähler legitimiert die Ausübung staatlicher Macht durch seine Stimmabgabe. Er steht deshalb eng mit der staatlichen Gewaltanwendung in Verbindung. Im Umkehrschluss senkt jeder Nichtwähler die Legitimation staatlicher Gewaltanwendung. Derjenige, der bewusst nicht wählt, sagt also indirekt durch das Nichtwählen, dass er nichts mit staatlicher Gewaltanwendung zu tun haben will […] Wählen hat die gleiche Wirkung wie eine Rakete auf ein Ziel abzufeuern, das viele tausend Kilometer entfernt ist. Wählen hat den gleichen Effekt wie die „saubere Teilnahme“ an einer Gräueltat durch eine ferngesteuerte Langstrecken-Waffe […] Wer zur Wahl geht und seine Stimme abgibt, macht die Verantwortung für alle Gewalttaten, die die Regierung in seinem Namen ausübt zum festen Bestandteil seines eigenen Lebens.

Passt. 

Hier das (stellenweise sehr polemische und etwas einseitige!) Video. Da sind einige radikale Ideen und Ansätze drin, über die ich noch nachdenken möchte:

Schließen möchte ich mit einem Satz der Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldman († 1940)

Wenn wählen irgendetwas verändern würde, wäre es illegal.

Und nun: Eure Wahl! 

(Mehr zum Thema Anarchie: Hier)

19 thoughts on “‚Wählen ist ein Gewaltverbrechen!‘

  1. Schön das ich dich mit der FB-Diskussion zu dem Artikel "inspirieren" konnte! :) 

  2. Bridgetroll says:

    Das Video ist tatsächlich schrecklich polemisch und durch unangemessene Emotionalisierung stumpf manipulativ, sowas ist immer schade. Wer sofort anfängt mit toten Kindern zu argumentieren und verschiedene Gewalttaten qualitativ miteinander vergleicht schadet der Ernsthaftigkeit der eigenen Sache, mauz.

    Aber deine Formulierung der Argumentationskette gefällt mir, Doc, danke dafür! Sind einige gute Gedanken dabei, die man vielseitig anbringen kann.

  3. Olaf says:

    Chapeau! Das ist ein sehr gute Argumentation, mein Lieber. So wie es oben steht kann man es nehmen, um damit dem nächsten Spacken, der einem zum Wählen überreden will, ordentlich in den Keller zu argumentieren. 
    Ich würde gerne den kompletten Text bei Dir klauen und bei mir weitertratschen. Erstens weil er mir so gut gefällt und zweitens, weil ich grad nicht so zum bloggen komme und Content brauche. ;o) Auch das Bild ist genital genial, aber weil ich ein viel größerer Schisser bin als Du, mache ich mir Sorgen wegen des Urheberrechts. Die Quelle ist mir nicht genau genug. Wenn Du mir aber versicherst (ich weiß, dass das rechtlich einen Dreck bedeutet, aber ich vertraue Dir und Deiner Netzkompetenz), dann würde ich es dennoch mitnehmen. Das ist nämlich klasse! 
    Also was sagst? ;o)

  4. Olaf says:

    @ Bridgetroll, Wir leben in Zeiten von Polarisation, Ignoranz und Verdrängung. Da ist Polemik u. U. angebracht und in der Sache hilfreich. Den Leisen hört nämlich keiner zu.

  5. Chris says:

    @Martin: Fand ich auch; Danke dir! ;) 

    @Bridgetroll: ganz ehrlich: ich finde es auch echt grenzwertig; die Basic-Argumentationskette mag ich aber. 

    @Olaf: Freut mich, dass du den Text so magst. Zu dem Bild: Laut Google-Bildersuche ist das schon 1000x verbloggt worden, auch die "Zeiträume "sehen save aus: Nimm es, das geht klar! ;) 

  6. Garfield says:

    falls sich jmd fragen sollte, wie "Anarchisten" ein so professionelles Video auf die Reihe kriegen – kann sich ja mal die zugehörige Webseite ansehn…
    auch wenns nicht direkt so aussieht – es handelt sich da um "Anarchisten" der Schule "Freier Markt". Die Neoliberalen sind ein Kindergarten gegen das, was die anstreben. Abschaffung von Sozialstaat & Polizei, dafür Firmen-eigene Sicherheitsdienste und privatisierte Gefängnisse etc.

    Sie argumentieren u.A. damit, daß die Konzerne sich schon freiwillig um Kranke und Obdachlose kümmern würden, weil eine sichere Umwelt und gesunde Arbeiter ja in ihrem eigensten Interesse wären…
    Daß solche Typen Nicht-Wählen propagieren dürfte klar sein… die Bonzen profitieren ja schließlich, wenn die Unzufriedenen daheim bleiben, und nur die Krisen-Gewinnler wählen gehn.

    Aber glaubt ruhig weiter, mit Nicht-Wählen Widerstand zu leisten… die Politik schert sich jedenfalls einen Dreck um Wahlbeteiligung & "Legitimation". Zur Not machen sie's einfach wie Roland Koch und erklären alle Nichtwähler zu Einverstandenen. Und bis wirklich mal Alle daheim bleiben, haben Freiwillig.Frei & ihre gekauften Politiker schon lange klar gemacht, daß Leo 2 & Schützenpanzer Puma auch im Inland eingesetzt werden dürfen.

    oder besser gesagt: die BW privatisiert ist – wie in ner richtigen Anarchie halt ;-)

    dann viel Erfolg im Straßenkampf

  7. Chris says:

    Also ich bin und war mir durchaus im klaren, dass die Ecke aus der das Video stammt durchaus zu den extremeren Anarchos gehört. Hab ich kein Problem mit; der Grundgedanke dieser ist auch meiner.

    Ich verstehe deine Argumentation, kann die aber auch – denke ich – relativ gut aushebeln: Hier (ich und ich schätze auch ein Groß meiner Leser) versteht niemand die Nicht-Wahl als Widerstand. Damit hat sich wohl der Rest erledigt, schätze ich. Nicht-Beteiligung ist kein Widerstand; der geht anders. 

  8. Garfield says:

    Der Grundgedanke von Anarchie – so wie ich sie kenne – war mal: keine Macht für Niemand…
    Dir ist aber wohl klar – das von Freiwillig.Frei angestrebte Modell läuft auf's genaue Gegenteil raus. Da werden Einige sehr viel, der größte Teil dafür aber gar keine Macht mehr haben.
    als ob es nicht so schon pervers genug wäre – das wär das Neoliberale System hoch 10… Menschen würden wieder zu sprichwörtlichen Sklaven.
    und den Gedanken, die Mehrheit liesse sich nicht unterdrücken, kannst du vergessen – das Reiche auch sehr gut in abgeschotteten Festungen leben können, kannst du in Südamerika beobachten – manche Städte bestehn aus 90% Favela, und 10% "Gesicherter Nachbarschaft". Und nicht daß die Bonzen sich davon den Spaß verderben lassen würden…
    ob das erstrebenswerte Zustände sind, ist natürlich Ansichtssache – hängt aber auch stark von der "Perspektive" ab… man könnte auch das Pech haben zu den Schwachen zu gehören.

  9. Chris says:

    Alles korrekt und richtig was du sagst. Hier mein Standpunkt, dann eine Frage:

    Ich begreife Anarchie nicht als sofortige Alternative zum Status Quo. Eher als utopische Idee, die es wert ist, in unserer gesellschaftliche Ordnung diskutiert und "zu größtmöglichen"  Teilen nach und nach adaptiert zu werden. Wenn man von diesem Standpunkt ausgeht, sollte recht flott klar werden, dass  meine Nicht-Wahl genau gar nichts (oder nur sehr wenig)  mit ein Staatsstreich oder dem Straßenkampf zu tun hat. 

    Das Hierarchie und Herrschaft nicht von heute auf morgen abgeschafft und durch Anarchie und Miteinander ersetzten werden kann, ist auch dem verbohrtesten Anarchisten klar; so meine These. Ergo: Als erstrebenswerte Idee begreifen, nicht als Reform der globalisierten Welt. Im übrigen gibt es auch noch ein Argument für die Nicht- Wahl, welches man selbst als Nicht-Anarchist nachvollziehen kann: Ich möchte nicht alles noch viel schlimmer machen, in dem ich mich an Ritualen des "schlimmen" Systems (die Wahl) beteiligen möchte. Ergo: Keine Wahl. Das ich damit nichts besser mache ist, mir klar; um was "besser zu machen", brauche ich persönlich aber auch keine Wahl-Urne. 

    Frage: Deine Thesen haben Hand und Fuß, ja, das stimmt. Was mir fehlt: Eine Idee! Du meckerst (aus deiner Sicht sicher zurecht), zeigst aber keine Alternative aus. DAS ist dann allerdings wieder ein anarchistischer Grundgedanke: Konfliktlösung auf kleinster Ebene. Das geht aber  nur, wenn beide Parteien Lösungsansätze am Start haben.

    Also? ;) 

  10. Olaf says:

    Schweineinteressanter Disput, bei dem ich noch ein paar Argumente lang warte, bis ich mich einklinke. Im Moment sieht es aus wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, was Chris mit Hodenkrebs oder Gehirnamputation breits im Artikel ganz gut beschrieben hat. Mir fehlt auch noch der konstruktive Vorschlag von Garfield, was der Wahlbürger tun kann ohne seine Seele zu verkaufen.

  11. Chris says:

    (Na Na, dein letzter Satz war aber schon sehr suggestiv, Herr Olaf! Is mir recht so! ;)

  12. Garfield says:

    wollte gerade weiter machen mit einer "tiefergehenden" Antwort, da sehe ich daß Olafs & meine 2 Antworten fehlen…
     
    macht das einen Sinn mich hier zur Diskussion aufzufordern wenn meine Antworten dann verschwinden?

  13. Olaf says:

    Hej Garfield,
     
    ganz ruhig mit den jungen Pferden. Ich hab das auch schon bemerkt und Chris geschrieben. Er weiß Bescheid und wer weiß, was WordPress mal wieder zerschrammelt hat…
    Worauf Du dich verlassen kannst, ist, dass Chris sicher nicht zensiert oder Dinge löscht, die ihm nicht passen. Wenn ihm was nicht passt, dann haut er es uns ungeschönt an die Birne. Ich weiß das, weil ich hier schon beinahe ewig, durchaus auch mit anderer Meinung, rumdebattiert habe.
     
    Also keine Panik auf der Titanic, Wasser ist für alle da… ;o)

  14. Chris says:

    …selbst diesen Artikel musste ich aus dem Google-Chache ziehen …

    http://doktorsblog.de/2013/01/22/ressourcenraub-im-all-schon-ab-2020/

    …nachdem mein SUPERHOSTER mich auf eine neue Turbo-Datenbank umgezogen hat… Ich könnte brechen!!!

    (habe in dem Artikel auch ein Update eingefügt, falls der bei euch im Feed doppelt auftaucht… ich glaube vier Comments und der Artikel sind im Nirvana… wobei,..Sekunde!) 

    Edit: Nee, DEN Artikel hier haben sie nicht gecacht!!! Weltverschwörung, ey.
    Ich hab hier noch nie zensiert; tut mir leid für die Zwangslöschung, echt mal.

    Wo waren wir? ;)

    Edit 2: Scheisse ey, jetzt kriege ich Database-Errors..in Massen. Jetzt habe ich Angst.

  15. Garfield says:

    wie auch immer, dann hier mal mein 2. Teil

    Das Hierarchie und Herrschaft nicht von heute auf morgen abgeschafft und durch Anarchie und Miteinander ersetzten werden kann, ist auch dem verbohrtesten Anarchisten klar; so meine These. Ergo: Als erstrebenswerte Idee begreifen, nicht als Reform der globalisierten Welt.
     
    ich denke ein Problem der Situation (das "Scheiß" System) sind schon Staaten an sich. Eine zentralisierte Gemeinschaft, die viel größer als jede "natürliche" Gemeinschaft, wie Freunde, Großfamilie… ist eben einfach unnatürlich. Die Menschen sind halt keine Bienen oder Ameisen.
    Daraus ergibt sich z.B. eine Justiz, die nach Akten entscheidet und nicht nach Menschen. Das Gleiche gilt für Polizei, Arbeitsämter, etc … "das System" ist eben auf Theorie aufgebaut und viel zu weit von den Menschen weg. Die ganze Sache ist einfach viel zu abstrakt, daß Homo Sapiens in diesem System artgerecht leben könnte…
     
    Andererseits wird "das System" MMN auch von den meisten überbewertet. Auch das theoretisch beste System wird in der Praxis scheitern, wenn an den entscheidenden Stellen die falsche Leute sind, genauso umgekehrt. In dem Sinn stimme ich dir zu, daß der Weg das Ziel ist. Man muß bei den Menschen ansetzen.
    Nur ist die aktuelle Wirtschaft schon viel zu komplex, daß eine Änderung der Menschen allein noch reichen würde. Ein paar werden immer austicken, und beim derzeitigem Stand der Globalisierung genügen schon paar Wenige, ganz weit weg, ohne jede Einflußmöglichkeit, um einen Dominoeffekt auszulösen… wo wir wieder beim nicht-menschgerechten System wären ;-)
     
    Bevor wir uns mit dem nächsten WK in die Steinzeit gebombt haben, wird ein Leben ohne Staaten aber wohl reine Utopie bleiben. Bei derzeitigem Entwicklungsstand kann ich mir nicht vorstellen wie es ohne Zentralisierung laufen könnte, schon allein um uns vor uns selbst zu schützen… Aussteiger würden einfach plattgemacht, wie die verbliebenen Urwaldvölker.
     
    Im übrigen gibt es auch noch ein Argument für die Nicht- Wahl, welches man selbst als Nicht-Anarchist nachvollziehen kann: Ich möchte nicht alles noch viel schlimmer machen, in dem ich mich an Ritualen des "schlimmen" Systems (die Wahl) beteiligen möchte. Ergo: Keine Wahl
     
    das ist die Frage, ob man sich durch "Nicht-Beteiligung" einfach freimachen kann. Auch Nichts Tun kann man eine Sache eben noch deutlich verschlimmern.
    Den Teil oben kann man eigtl in 3 Worten zusammenfassen – du scheißt drauf… menschlich versteh ich das zwar und kann das auch gut nachvollziehn – andererseits haben die Deutschen dann wirklich die Merkel, die sie verdienen.
     
    Das ich damit nichts besser mache ist, mir klar; um was "besser zu machen", brauche ich persönlich aber auch keine Wahl-Urne. 
     
    Klar gibts andere Wege was besser zu machen, auf Themen wie Auslandseinsätze der BW z.B. wirst du aber keine andere Einflußmöglichkeit haben.  Und auch eine Wahl zwischen 2 Übeln kann noch eine sinnvolle Wahl sein, wie ich schon geschrieben hab.
     
    Was ich einfach nicht begreifen will – wenn ich Ergebnisse wie in Niedersachsen sehe, kann ich wirklich nur sagen, die Leute haben ihre eigenen Henker, und sie haben sie verdient… wären die 40 % Nichtwähler mal zur Wahl gegangen, und hätten meinetwegen zur Hälfte Piraten und Linke gewählt – an der Regierung will ich die gar nicht sehn, weil die genauso verfilzen würden – aber da wäre wenigstens ne tatkräftige Opposition, die wenigstens die größten Sauereien verhindern könnte.

  16. Garfield says:

    zu deinem Hoster kann ich nur sagen, wahrscheinlich hängt Freiwillig.Frei da auch schon mit drin.
    Falls noch mehr Interesse an dieser Sekte besteht, z.B. diese Diskussion hier ist auch sehr aufschlussreich, auch wenn ich die Zuschreibung von soziopathischen Eigenschaften schon leicht übertrieben finde.

    Ironie OFF:
    Nach deren Begriff von Freiwilligkeit dürfte mich jedenfalls auch keiner dran hindern meinen Nachbarn abzuknallen. Das wäre ja eine zwanghafte Einflußnahme auf die Ausübung meines freien Willens, und somit unzulässige Gewalt…

  17. Chris says:

    Jau, das Staaten Flaggen, Grenzen und Nationen meist mehr Probleme bringen, als lösen, ist offensichtlich. Und auch was du über die Instanzen der Staatsgewalt sagst, würd ich so unterschreiben (ohne die Frage nach der Basis-Struktur oder der zwingenden Notwendigkeit einer Hierarchie zu stellen)

    Im nächsten Absatz unterstreichst du ja eigentlich meine These einer "utopischen Idee", das finde ich gut. Richtig, eine "Zentrale" gibt es ja auch in den verschiedensten anarchistischen Thesen meistens; es geht eben um "ein flaches Zentrum" und nicht um eine übergeordnete Zwangs-Zentralisierung. Guck dir nur die Historie an: In den Phasen in denen irgendwo tatsächliche Anarchie praktiziert wurde, gab es auch Verwaltungstellen und Sammelbecken. Was ja an sich nichts verkehrtes ist. Nur die Konflikte die das bringt, werden m.E falsch angepackt (Ellbogen / Leistungs-Prinzip) 

    Das ich durch „nichts tun“ "nix besser" mache, da sind wir soweit auf einer Linie. Im Falle der Wahl in diesem Jahr sehe ich das so: In dem ich "woanders" was mach lade ich mein „gesellschaftliches Karma“ wieder auf. So mag es ein Aussenstehender sehen; was für mich ok ist; auch wenn ich davon überzeugt bin, dass es nur SO geht (also nicht hingegen, anders engagieren) 

    Dazu gibt es auch ein interessantes (anarch.) Gedankenexperiment: Wenn doch das Volk der Chef ist, warum wählt das Volk dann überhaupt einen Chef? ;)

    Anarchie geht vom kleinsten gemeinsamen Nenner aus: Wenn ich also den BW-Soldaten – fern ab von System, Pflicht und Staat – im Vis a Vis davon abringen kann, Menschen in Mali zu erschießen, bewege ich mehr, als ein Kreuz an einer dubiösen Stelle zu machen, welches NULL Effekt hat. Ein Beispiel: Rüstungsexporte. RotGRÜN hat da mehr verbrochen als GelbSchwarz. EINE der beiden "Volks"-Parteien macht – seit ich hier auf dem Planten lebe- immer das Rennen (siehe Niedersachsen). Da belaaber ich lieber im kleinen die Menschen, und 2034 gehen wir ALLE hin und machen nur EIN Kreuz, dafür an der richtigen Stelle! You see?  Daher: Keine Option für mich. Dazu kommen Dinge wie "Stimmentausch" und mangelhaftes Wahlrecht, (geheime) nächtliche Tagung des Bundestages im EM-Halbfinal-Pausen, etc etc. Wir wählen keine Utopisten, Futurologen, Soziologen, Ethnologen, Philosophen oder echte Menschen; sondern Bänker, BWLer, Zahlenstupser, Kriegstreiber und industriell gezüchtete Arschlöcher. Von "Volkvertretung keine Spur" Daher erneut: Keine Option. Selbst die grünen – aus deren Bewegung heraus meine / unsere Eltern noch "was bewegen wollten" / hier in Köln Straßenbahnen durch die Gegend warfen – sind doch längt in der globalen kapital-diktierten Wirtschaftswelt angekommen und stehen für alles (Atom, Krieg) aber nicht mehr für den Menschen oder den Humanismus. Wen SOLLTE ich denn deiner Meinung nach wählen, um (mittelfristig) IRGENDWAS zu ändern!? 

    Ich habe in 30 Jahren Poltik nicht EINMAL erlebt, das IRGENDEINE Oposition etwas WIRKLICH weltbewegendes angeleiert oder verhindert hätte! Evtl. bin ich da aber auch zu schlecht informiert, das mag sein.

    Zu deiner Ironie: Nimm die mal raus und träume!!! Von einer utopisch-anarchistischen Welt, in der es einfach GAR KEINEN Grund mehr gibt, Waffen zu bauen; geschweigen denn andere Menschen abzuknallen. DA will ich hin! DAS ist meine Idee, und wenn du so willst meine hippie'eske Weltanschauung /  meine politische Richtung. 

  18. Olaf says:

    Schön, das es weiter geht. Ich liebe solche Diskussionen, wenn sie, wie hier, mit so viel Respekt und Hirnschmalz geführt werden. Da mal ein echt fettes Dankeschön an euch beide. Nicht alle Menschen sind doof. Und ich habe Hoffnung. ;o)
     
    Garfield sagt: ich denke ein Problem der Situation (das "Scheiß" System) sind schon Staaten an sich. Eine zentralisierte Gemeinschaft, die viel größer als jede "natürliche" Gemeinschaft, wie Freunde, Großfamilie… ist eben einfach unnatürlich. Die Menschen sind halt keine Bienen oder Ameisen.
     
    Nein. System und Staat gehen zwar Hand in Hand, sind Verbündete und gemeinsam handelnde Wohl- und Übeltäter, können und müssten aber getrennt voneinander gedacht werden. Das konsequent getan würde bedeuten, dass der Staat das wäre, was er sein sollte: ein Regulativ. Deshalb ja auch die Gewaltenteilung, die genau das eigentlich garantieren soll. Leider ist Korruption wie ein bösartiger Virus, der früher oder später seinen Wirt umbringt. Also nicht der Staat ist schlecht, sondern diejenigen, die den Staat – also uns alle – repräsentieren und ihm vorstehen.
     
    Wo Du recht hast ist die Tatsache, dass große Gemeinschaften eine Erfindung der Neuzeit sind. Unser Hirn hat sich im Laufe unserer Evolution soweit entwickelt wie es nötig war. D.h. wir können uns nur ein begrenzte Anzahl Gesichter merken, weil wir quasi noch immer in den kleinen Dorfgemeinschaften leben, wie vor ypstausend Jahren. Deshalb aber in eben jene kleine Gemeinschaften zurück zu gehen halte ich für falsch. Denn es bedeutete auch eine Rückkehr in die Kleinstaaterei, was nicht nur gegen den – logischen! – Trend zum globalen Dorf verstöße, sondern auch jede Menge Konflikte nach sich zöge, geradeso wie im Mittelalter. Standards sind so nicht zu machen.
    Dem entgegen zu wirken ist meiner Meinung nach eine Frage der Organisation und der Strukturen. Warum sollte man ein Hochhaus mit 100 Familien und 450 Menschen nicht in drei, vier "Dorfgemeinschaften" aufteilen, die ihre Vertreter ("Bürgermeister") wählen, welche dann mit den anderen Vertretern über die Belange des Wohnhauses streiten und die unterschiedlichen Interessen unter ein Dach bringen? Das Stichwort hier ist Soziokratie. Brand eins hat da mal einen sehr schönen Artikel drüber geschrieben, der einen guten Einblick in die Meschanismen dieser Idee gibt.
     
    "Nicht Titel und Position entscheiden. Sondern Argumente. Das gibt es nur in der Utopie, nicht im Unternehmen? In den Niederlanden setzen das Firmen in die Praxis um und nennen es Soziokratie." (brand eins: Die ideale Welt )
     
    Am Ende ist das, was wir Utopie nennen, nur eine Frage der Spielregeln und Rahmenbedingungen. Und da hat Chris vollkommen recht. Die können wir uns träumen, wie wir wollen. Aus Träumen erwachsen Wünsche. Und aus Wünschen werden Taten.  
     
    @ Chris: "Ich habe in 30 Jahren Poltik nicht EINMAL erlebt, das IRGENDEINE Oposition etwas WIRKLICH weltbewegendes angeleiert oder verhindert hätte!"
     
    Aber hallo! Denk mal an die Ossis. Gut, die sind zwar vom Regen in die Traufe gekommen, aber das ist ein anderes Thema. ;o)

  19. Garfield says:

    so zu erstmal sorry, daß ich jetzt erst schreibe, hatte in den letzten Tagen aber wenig Nerv auf mehr als eindimensionale Kommentare.
    mit meinem Talent zu "adäquater Ausdrucksweise" ist es bei mir nicht so weit her, "Online" macht die ganze Sache auch nicht grad einfacher… bis ich mal halbwegs unmißverständlich rübergebracht hab, was ich sagen wollte, qualmt mir manchmal ganz schön der Kopf… soviel zu meinem persönlichen "Hirnschmalz".
    Aber egal, weiter gehts:
     
    @Chris
    Jau, das Staaten Flaggen, Grenzen und Nationen meist mehr Probleme bringen, als lösen, ist offensichtlich.
     
    Zumindest was Grenzen angeht, seh ich das nicht ganz so … jedenfalls wenn die Alternative dazu sowas wie ein "Weltstaat" wäre. Auch ein US Europa seh ich mit Bauschmerzen.
    kann zwar ziemlich nervig sein, wenn man von Holland kommt ;-) die Holländer andererseits sind über die "Abgrenzung" zu den BRD-Gesetzen sicherlich ganz froh… u.A. schützen Grenzen ja auch, und geben z.B. die Möglichkeit, in ein anderes Land, mit je nach dem besseren Gesetzen, auszuwandern.
     
    Dazu gibt es auch ein interessantes (anarch.) Gedankenexperiment: Wenn doch das Volk der Chef ist, warum wählt das Volk dann überhaupt einen Chef? ;)
     
    Naja – "das" Volk gibt es so ja nicht. Alles Individuen. Bevor die wild durcheinanderplappern ist es manchmal nicht schlecht, einen Ansprechpartner zu haben, besonders für dringliche Entscheidungen. Auch Stammeskulturen oder Familienclans haben – schon seit je her – ja nicht ganz umsonst ein Oberhaupt. Ab einem gewissen Grad an "Komplexität" (also Arbeitsteilung etc) führt MMN kein Weg an einem gewissen Grad an Hierarchie vorbei… falls du andere Modelle kennst, kannst mich gerne eines besseren belehren ;-)
     
    @Olaf
    Nein. System und Staat gehen zwar Hand in Hand, sind Verbündete und gemeinsam handelnde Wohl- und Übeltäter, können und müssten aber getrennt voneinander gedacht werden. …
     
    das seh ich – wie gesagt – halt mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist das System "Staat" zwar Scheiße, andererseits gehts auch nicht ohne… es gibt z.B. geügend Menschen, die unschuldig im Knast sitzen. Verglichen mit den Einwohnern/ Inhaftierten gesamt mag das eine "tolerierbare" Zahl sein – nur komm nur ja nicht selbst in die Lage…
    ich will jetzt nicht auf das Thema "Justiz & unschuldig Verurteilte" hinaus, aber allein dieses Aufrechnen, "Kollateralschäden" gegen Nutzen; bzw. überhaupt in Zahlen /Menschen als Zahlen zu denken – geht mit dem Staat /bzw. einer in der Größenordnung organisierten Gesellschaft, ja Hand in Hand.
    Die Großfamilie ist MMN das größt-mögliche Gebilde, um "menschlich" darin zu leben… mit allem was darüber hinausgeht kommt vllt Luxus & Bequemlichkeit, aber zu dem Preis daß wir uns immer mehr von uns selbst entfernen.
    Aber wie gesagt, ist halt ein Paradox – es geht schlecht mit und auch schlecht ohne, v.A. wenn wir nicht zurück in die Wildnis wollen.
     
    … Denn es bedeutete auch eine Rückkehr in die Kleinstaaterei, was nicht nur gegen den – logischen! – Trend zum globalen Dorf verstöße, sondern auch jede Menge Konflikte nach sich zöge, geradeso wie im Mittelalter. Standards sind so nicht zu machen. …
     
    der Trend zum "Globalen Dorf" mag zwar logisch sein, in meinen Augen aber eher bedauerlicherweise…
    soviele Vorteile das auf den ersten Blick hat – Internet etc – soviele Nachteile kommen auch mit. Wir in EU spüren die zwar (noch) kaum, in Entwicklungsländern macht sich das aber massiv bemerkbar – wenn durch den billigen EU-Weizen tagtäglich Existenzen vernichtet werden z.B. Und wir kriegen ja auch schon den Lohndruck durch die billige Konkurrenz in China/Indien zu spüren…
     
    V.A. das mit den Konflikten seh ich nicht so… ein Staat wird sich zwar kaum selbst bekriegen – dafür ist es aber umso leichter, die eigene Bevölkerung zu unterdrücken.
    Die friedliche Revolution in der DDR wäre z.B. niemals möglich gewesen, wenn sie nicht einerseits von der Sowjetunion im Stich gelassen, und gleichzeitig vom Westen massiv unter Druck (Verweigerung v. Krediten etc) gesetzt worden wäre.
    Im Gegenzug, die BRD – mag sich nach VT anhören – aber dem Westen gings nicht zuletzt so gut, weil die BRD als "Schaufenster für die DDR" benutzt wurde… während der BRD z.B. die Kriegsschulden "geschenkt" wurden, hatte die DDR diese lange abzuarbeiten, und bekam auch keine Care-Pakete o.Ä. …
     
    Daß es zu Hitlers Machtergreifung noch keine Eurasische Union gab, war auch nicht unbedingt von Nachteil…
     
    Die andere Sache ist die wirtschaftliche Globalisierung… ganz abgesehn von Korruption – manche Konzerne sind schon ganz real mächtiger als einige Staaten.  Nicht nur Großkonzerne, die Wirtschaft ganz allgemein profitiert mehr als die Menschen. Die spricht naturgemäß nun mal nur eine Sprache, die des Geldes – die Interessen der Menschen dagegen sind oft nur schwer unter einen Hut zu bringen. Gilt ja schon innerhalb Deutschlands, auch wenn absolut kein "Riesenreich" – als Bsp. nur mal das Nichtraucherschutz-Gesetz.
    Dazu kommt noch ein anderer Punkt – Kultur. Auch wenn man mit so ner Äußerung schnell als "reaktionär" abgestempelt wird – die Kulturen sind halt unterschiedlich, und z.T. extrem.
    Als Beispiel nur mal Japan – klingt zwar abgedroschen, aber teilweise wird dort immer noch"Harakiri" verübt – hier käm kein Mensch auf die Idee, Selbstmord als "heilige Pflicht" zu betrachten; öffentlich Gefühle zeigen ist dort ein Tabu – hier würde man damit schnell als "gefühlskalt " gelten; Arbeit & die Aufopferung für die Firma gelten dort als Lebensinhalt & wird als selbstverständlich aufgefasst – (inzwischen sind wir zwar auch auf dem Weg dahin) zumindest noch würde aber jeder Arbeiter aber an die Decke gehn, wenn du von ihm verlangst, er lebe um zu arbeiten, statt umgekehrt…
    daraus würde aber kein (Deutscher) schließen, die Leute hier wären faul oder Ähnliches… die Leute sind eben unterschiedlich, teils ganz andere Auffassungen… und manchmal versucht man besser gar nicht erst, das unter eine Decke zu bringen. Ich hab schon mal woanders geschrieben, der eigtl sinnvolle Leitsatz "alle Menschen sind gleich" wird nur allzu gern falsch verstanden.
     
    Von diesen "Vereinigungs"-Modellen, egal auf welcher Ebene, profitieren MMN zuallererst die Konzerne. Auf der anderen Seite verlangt eben gerade die wirtschaftliche Globalisierung nach einem ebenbürtigen politischen Gegenspieler, damit es überhaupt noch möglich ist, die Interessen der Menschen durchzusetzen.
    So beißt sich die Schlange in den Schwanz.
     
    Läßt man den ganzen Wirtschafts-Kram mal außer acht – ein erstrebenswertes Modell für eine lebenswerte Gesellschaft wäre z.B. dein Beispiel mit dem Hochhaus. Vor Allem "Soziokratie" hört sich interessant an.
    Alle Befugnisse sollten, soweit eben möglich, der kleinsten Ebene zugeteilt werden; von Gemeinde, über Stadt, Landkreis, etc…
     
    Ansonsten bin ich einer Meinung mit euch. Träume/Utopien sind die Vorraussetzung für jede Veränderung. Außer sie ergibt sich zufällig, ist dann aber oft wenig erstrebenswert.
     
    @Chris Ironie ist aber auch nicht grad das schlechteste Mittel, die ganze Scheiße zu ertragen, ohne komplett durchzudrehn ;-)

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